Tipps

Auf dieser Seite weisen wir auf TV-Beiträge und Bücher hin, die uns besonders aufgefallen sind oder die wir für besonders wertvoll halten.



TV-Dokumentationen

China errichtet mit immensem technischem Aufwand einen immer lückenloseren Überwachungsstaat. Eingesetzt werden unzählige Überwachungskameras, Gesichtserkennung, Künstliche Intelligenz und verteilte Rechnungszentren, die unmittelbar mit der Polizei vernetzt sind. Über ein Punktesystem mit Bestrafungen und Belohnungen sollen die Bürger*innen zu Wohlverhalten gezwungen und Verstöße direkt verfolgt werden. Eine ARD-Dokumentation:
https://kurzelinks.de/haj2

Es bedurfte der Recherchen hoch-spekulativer Leerverkäufer und der Hartnäckigkeit der Zeitung Financial Times, um Licht in das Dunkle des ehemaligen deutschen Dax-Konzerns Wirecard zu bringen.
Die ARD-Dokumentation Der Fall Wirecard greift diesen Hintergrund auf:
https://kurzelinks.de/r01s

Die Finanzkrise 2007-09 hat weltweit schwere wirtschaftliche Schäden angerichtet. Mit bis dahin unvorstellbaren Summen an Steuergeldern wurden in den USA und Europa „systemrelevante“ Banken gerettet. Die in ZDF-info gesendete Dokumentation Geheimakte Finanzkrise geht den Ursachen nach und beleuchtet insbesondere die Beteiligung der Deutschen Bank an dieser Krise:
https://www.zdf.de/dokumentation/zdfzoom/zdfzoom-geheimakte-finanzkrise-110.html

⏹ Die US-Wahl 2016 wurde in sozialen Medien unter Verwendung von Daten beeinflusst, die privaten Nutzern entwendet wurden. Die Firmen Cambridge Analytica und Facebook spielten dabei die Hauptrolle, wie eine ZDF-Dokumentation Dunkle Machenschaften – Wie mit Daten die US-Wahlen beeinflusst werden zeigt:
https://www.zdf.de/dokumentation/zdfinfo-doku/dunkle-machenschaften-wie-mit-daten-die-us-wahlen-beeinflusst-werden-100.html

⏹ Eine Dokumentation aus Großbritannien recherchiert zur Weltmacht Amazon – Das Reich des Jeff Bezos:
https://www.youtube.com/watch?v=7JBi5kYNCck

⏹ Das Elektro-Auto wird oft angepriesen als Patentlösung zur Bewältigung der Umweltprobleme, die der Auto-Individual-Verkehr verursacht. Die Arte-Dokumentation Umweltsünder E-Auto? zeigt auf, dass unsere Auto-Sauberkeit erkauft wird mit extremen Umwelt- und Gesundheitsproblemen in anderen Ländern, die die Komponenten dieser „Umwelt-Autos“ liefern:
https://www.youtube.com/watch?v=WOxYuzOJV58
https://www.youtube.com/watch?v=7dYtn7ifPkc
https://www.youtube.com/watch?v=-K16yL3ispQ

⏹ Die deutsche Industrielegende ThyssenKrupp steht vor dem Absturz. Für den deutschen Wirtschaftsstandort ist dies von erheblicher Bedeutung. Die WDR-Dokumentation ThyssenKrupp: Stahlriese am Abgrund? zeigt die Problematik dieses Falles auf:
https://www1.wdr.de/mediathek/video/sendungen/die-story/video-thyssenkrupp-stahlriese-am-abgrund-102.html

⏹ Der ZDF-/3Sat-Beitrag Die zerrissene Gesellschaft geht der Frage nach, wie Ungerechtigkeit entstehen und die Gesesellschaft spalten kann:
https://www.3sat.de/wissen/wissenschaftsdoku/wido-die-zerrissene-gesellschaft-102.html

⏹ Die ZDF-Fernsehdokumentation Das überwachte Volk – Chinas Sozialkreditsystem befasst sich mit dem Einsatz Künstlicher Intelligenz bei der Überwachung der Bevölkerung in diesem Land:
https://www.zdf.de/dokumentation/zdfinfo-doku/das-ueberwachte-volk-chinas-sozialkredit-system-102.html



Bücher

Die Auswahl der Bücher, die wir hier besprechen, konzentriert sich auf Werke, die unserer Meinung nach in herausragender Weise Probleme behandeln, die einer gerechten Gesellschaft entgegenstehen.

Emmanuel Saez / Gabriel Zucman, Der Triumph der Ungerechtigkeit – Steuern und Ungleichheit im 21. Jahrhundert, 2020, 279 Seiten, Taschenbuch 11 Euro, gebunden 22 Euro

Die beiden US-Ökonomen halten die westlichen Steuersysteme gegenüber einer großen Bevölkerungsmehrheit für extrem ungerecht. Sie betonen, dass alle Elemente eines Steuersystems bzw. alle Einzelsteuern im Gesamtzusammenhang betrachtet werden müssen. Ihre Hauptthese ist: Politik verfügt über ein enormes Gestaltungspotenzial bezüglich eines gerechten, hohe Gleichheit verwirklichenden Steuersystems; sie muss dieses Potenzial nur anwenden wollen. Die Ungerechtigkeit wird vor allem durch folgende Punkte erzeugt: Durchsetzung eines strikt dualen Einkommensteuersystems für Lohn- und für Kapitaleinkommen, wobei die Kapitalsteuern einheitlich (nicht progressiv !) ausgestaltet sind und immer weiter gesenkt wurden und auch die Spitzensätze für Arbeitseinkommen immer weiter herabsetzte; Beseitigung von Vermögensteuern; globaler Unterbietungswettbewerb bei Unternehmensteuern; hohe Steuersätze bei (regressiven !) Verbrauchsteuern.

Die Ausgestaltung der westlichen Steuersysteme trug in der Globalisierung der Wirtschaft dazu bei, dass die Reichen immer reicher, und die Armen immer ärmer wurden. Die zu geringen Steuern für Reiche führen dazu, dass diese können ihr Vermögen immer schneller vermehren können. Völlig anders sah das Steuersystem in den USA zwischen 1930 und 1980 aus; in dieser Phase betrug der durchschnittliche Spitzensteuersatz 78 %. 1916 führten die USA eine Vermögensteuer in Form einer progressiven Erbschaftsteuer ein. Deren Spitzensätze bewegten sich zwischen 1935 und 1981 bei 70 bis 80 %. Der Spitzensatz bei der Arbeitseinkommensteuer lag zwischen 1944 und 1981 im Durchschnitt bei 81 %. Die Politik wollte dabei nicht maximale Einnahmen erzielen, sondern Ungleichheit abbauen.

Ein ungerechtes Steuersystem wird meist folgendermaßen erreicht: Ausgeklügelte Argumentationen, dass geringe Steuern zu mehr Arbeitsplätzen führen, und Verbreitung dieser Begründungen über Medien; Erlauben von Steuerumgehungen, und dann behaupten, dass sich die entsprechenden Steuern nicht mehr eintreiben lassen und deswegen beseitigt oder massiv eingeschränkt werden müssten (Beispiel: Nachdem man in Deutschland Kapitalerträge lasch besteuert hatte, führte SPD-Finanzminister Peer Steinbrück statt einer Einkommensteuer auf Kapitalerträge eine Abschlagsteuer von 25 % ein, mit der Begründung: „Besser 25 % von X als von nix“); internationaler Steuerdumping-Wettlauf bei Unternehmenssteuern (so sank der globale Durchschnittssatz für die Körperschaftsteuer zwischen 1985 und 2018 von 49 % auf 24 %). Da Vermögende den Großteil ihrer Gelder in Firmen stecken, wirkt eine Körperschaftsteuer immer auch als eine Mindeststeuer für die Gruppe der Reichen und sollte daher nicht zu niedrig sein. In den USA hatte Präsident Roosevelt nach 1933 bewiesen, dass es anders geht: Er begründete höhere Steuern immer wieder ausführlich in öffentlichen Medien und schuf eine effektive, sehr gut ausgestattete Steuerverwaltung, die konsequent Steuern eintrieb und Steuerumgehungen bzw. -hinterziehungen rücksichtslos verfolgte.

Ein gerechtes Steuersystem könnte für Saez und Zucman folgendermaßen aussehen: Integration von Arbeitseinkommen-, Körperschaft- und Kapitalertragsteuern in einem einheitlichen Einkommensteuersystem; stark progressive Einkommensteuer; Durchschnitts-Steuersatz für Reiche bei 60 %, Spitzensatz in der Einkommensteuer bei 75 %; eine progressive Vermögensteuer von 2 % auf Vermögen größer als 50 Mio. Dollar, und eine von 3 % auf Vermögen größer als 1 Mrd. Dollar; Abschaffung aller Verbrauchs- bzw. Mehrwertsteuern, da sie regressiv wirken, also insbesondere untere Schichten belasten; Steuervermeidung und ‑hinterziehung konsequent unterbinden; Veräußerungsgewinne von Unternehmensanteilen voll der Einkommensteuer unterwerfen. Alle entwickelten Staaten benötigen heutzutage zwischen 30 % und 50 % des Nationaleinkommens, um die drei wichtigsten Säulen des Sozialstaates zu finanzieren: Bildung für die Jungen; Versorgungsleistungen für die Alten; Gesundheitsversorgung für Alle. Kinderbetreuung, Schulbildung und Hochschulbesuch sollten kostenlos sein. Neben der Einnahmensicherung sollte es immer auch Ziel staatlicher Steuerpolitik sein, die Konzentration von Vermögen abzubauen und mehr Gleichheit herzustellen.

Eine ausführlichere Besprechung mit mehr Zahlenbelegen:

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Michael Sandel, Vom Ende des Gemeinwohls – Wie die Leistungsgesellschaft unsere Demokratien zerreißt, 2020, 448 Seiten, 25 Euro.

Michael Sandel ist amerikanischer Philosoph und lehrt an der US-Universität Havard. Er vertritt die Position, dass das Leistungsprinzip in unserer Gesellschaft das Gemeinwohl zerstört. Mit Gemeinwohl meint er eine gerechte Gesellschaft, in der möglichst alle ihrer Mitglieder das Gefühl haben, durch ihre Arbeit und ihr Schaffen etwas Gutes zum Gemeinwesen beitragen zu können und in dieser Rolle Anerkennung und Wertschätzung genießen. Mit der Durchsetzung einer Gesellschaft, die nur noch nach dem Leistungsprinzip funktioniert (Meritokratie), wird dies insbesondere für Menschen aus der modernen Arbeiterklasse verhindert. Denn gesellschaftliche Anerkennung und die Wertigkeit eines Menschen richten sich unter diesem Prinzip nach der Höhe seines Bildungsabschlusses. Personen ohne akademischen Abschluss werden geringer geschätzt oder sogar herablassend behandelt. Wie weit das meritokratische Überlegenheitsgefühl akademischer Eliten führt, zeigt die abschätzige Bezeichnung Hillary Clintons – „The Deplorables“, „Die Bemitleidenswerten“ – gegenüber Angehörigen der US-Arbeiterklasse, die in großen Teilen Trump gewählt hatten. Viele der Betroffenen reagierten mit großem Hass auf die Präsidentschaftskandidatin. In Deutschland empfand die Arbeiterklasse seit Ende des 19. bis weit ins 20. Jahrhundert hinein großen Stolz aufgrund ihrer Arbeit. Dieser wurde mit der Durchsetzung der Leistungsgesellschaft in weiten Teilen zerstört

Zum meritokratischen Glauben gehört, dass jeder die Fähigkeit besitzt, durch harte Arbeit sein eigenes Schicksal zu steuern. Jeder, der aufsteigen will und sich dazu die notwendige, auch akademische, Bildung aneignen muss, kann es einfach tun. Wer dies nicht schafft, ist selbst schuld. Dabei wird nicht gesehen, dass der Einzelne oft gar keinen Einfluss auf die Bedingungen des eigenen Erfolgs hat; dass das eigene Schicksal meist vom Zufall gesteuert wird; dass die Gesellschaft Ressourcen in bestimmte Menschen und Berufe steckt, um sie besonders zu fördern; und dass akademische Eltern ihre Privilegien an die eigenen Kinder weitergeben, wie früher die Erbaristokratie. Parteien des linken Spektrums hatten in den entwickelten Ländern des Westens eine Brücke hin zum Neoliberalismus gebaut und der Meritokratie entscheidend zum Durchbruch verholfen. Die Leistungsgesellschaft wurde dadurch noch leistungsorientierter. Zugleich haben diese Parteien, z.B. die US-Demokraten oder europäische Sozialdemokraten, praktisch nichts gegen die dramatisch zunehmende Ungleichheit in den Einkommens- und Vermögensverhältnissen der Menschen unternommen. Der Finanzkrise 2007-09 wurde von der Politik moralisch nicht im Sinne breiter Bevölkerungsschichten begegnet, sondern einseitig zugunsten der Finanzmarktakteure. Der Finanzsektor ist unter moralischen Gesichtspunkten dasjenige Wirtschaftssegment, das ungerechtfertigte Einkommen ermöglicht und nichts zur Produktivität von Wirtschaft und Gesellschaft beiträgt, sondern sie im Gegenteil ständig destabilisiert.

Die Arbeiterklasse zweifelt nun an sich selbst und zeigt Minderwertigkeitskomplexe gegenüber den „Gebildeten“, während die Meritokratie den oberen Gesellschaftsschichten die Selbstzweifel nimmt und ihnen das Gefühl vermittelt, es „durch eigene Leistung zu etwas gebracht zu haben“. Den unteren Schichten sicherte man Bedingungen zu, unter denen sie aufsteigen können. Und immer wieder versprochen wurde mehr Verteilungsgerechtigkeit. Diese Versprechungen sind jedoch nicht erfüllt worden. Die Menschen wollen jedoch auch nicht nur Verteiligungsgerechtigkeit, sondern eine berufliche Position, die mit sozialer Anerkennung und Wertschätzung verbunden ist. Meritokratisch orientierte Politiker wie Obama oder Merkel haben moralische und ideologische Auseinandersetzungen vermieden und stattdessen auf technokratische Lösungen, Globalisierung, Wirtschaftswachstum und Konsumsteigerung gesetzt. Sandel fordert, dass sich Politik wieder verstärkt mit moralischen und ideologischen Fragen auseinandersetzt, mit Wertmaßstäben um Gerechtigkeit und Gemeinwohl, um Würde der Arbeit, um Wertschätzung und Anerkennung. Neben Lösungsvorschlägen appelliert er an die meritokratischen Eliten: Legt Eure Überheblichkeit ab und entwickelt Demut.

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Andreas Reckwitz, Die Gesellschaft der Singularitäten: Zum Strukturwandel der Moderne, 2017, 480 Seiten, broschiert 20 Euro.

Der deutsche Soziologe Reckwitz analysiert in einem ganz eigenen Ansatz neuere gesellschaftliche Entwicklungen. Seine zentrale These ist, dass die alte industrielle Moderne mit ihrer standardisierten Massenproduktion und ihrem standardisierten Massenkonsum in der „Spätmoderne“ abgelöst wird durch eine kulturelle Revolution „des Besonderen“. Überall wird nach Besonderem gejagt, ob durch besonders kreative Arbeitskräfte, ob in der Freizeit, ob in der Produktion vielfältiger, einmaliger Dienstleistungen. Bildung und individuelle Entwicklung haben für den einzelnen Menschen in diesem Zusammenhang eine besonders hohe Bedeutung. Reckwitz sieht eine sich verschärfende Klassenspaltung zwischen einer neuen akademischen Mittelklasse und einer immer größer werdenden neuartigen Unterklasse, die im Bereich einfacher Dienstleistungen angesiedelt ist. Wenn man sich durch die recht ausführliche Entfaltung seiner Begrifflichkeiten gearbeitet hat, wird es spannend. Reckwitz befasst sich mit der immer stärkeren Ansiedlung der neuen Mittelklasse in Großstädten (mit dem Effekt der Gentrifizierung); er analysiert die Arbeitsweisen und Identitätsbildungen von „Neo-Gemeinschaften“ im Internet oder von rechtspopulistischen Gruppen; er sieht die Chancenlosigkeit von Parteien, wenn sie in der industriellen Moderne verhaftet bleiben, und vieles mehr.

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Shoshana Zuboff, Das Zeitalter des Überwachungskapitalismus, 2018, 727 Seiten, 29,95 Euro.

Zuboff ist emeritierte Professorin für Betriebswirtschaftslehre an der Harvard Business School, USA, die aber auch Philosophie studiert und in Sozialpsychologie promoviert hat. Sie setzt sich vor allem mit den Gefahren auseinander, die durch die Internet-Politik der großen Digitalkonzerne entstehen. Dabei zeigt sie, in welch großer Dimension diese im Hintergrund, bis weit in die intimsten Persönlichkeitsbereiche, das Verhalten von Menschen erfassen, analysieren, vorhersagen und manipulieren. Für sie sind Digitalkonzerne wie Google, Facebook oder Amazon Agenten eines „Überwachungskapitalismus“, die in der Ausspähung und Manipulation von Individuen eine zuvor niemals mögliche Tiefe erreichen. Ihre zentrale These ist, dass die Überwachungskapitalisten sich widerrechtlich die Erfahrungen der sie nutzenden Menschen aneignen, daraus Wissen generieren, mit dem sie das Verhalten dieser Menschen voraussagen können, und dieses Wissen dann auf Märkten an ihre „eigentlichen“ Kunden weiterverkaufen. Letztere nutzen diese Dienste beispielsweise für personalisierte Werbung oder Wahlmanipulationen. Einerseits verschleiern diese Agenten ihr tiefes Ausspähen und Angeignen höchst erfolgreich. Und auf der anderen Seite wehren sie konsequent politische Ansätze ihrer Regulierung ab. Dabei, so Zuboff, könnten sie allmählich die Demokratie zerstören. Anders als bei Reckwitz wird hier ein Kapitalismus herausgearbeitet, der die Gesellschaft massiv im Sinne des dargestellten Verwertungsmodells umgestalten will. Die Digital-Ökonomie ist dabei nur Werkzeug, und nicht etwa Ursache dieser Entwicklung. Das Buch ist leider dick. Manches hätte vielleicht kürzer geschrieben werden können. Dennoch ist es für die Einschätzung des aktuellen „Informationskapitalismus“ sehr wertvoll.

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Peter Frankopan, Die neuen Seidenstraßen – Gegenwart und Zukunft unserer Welt, 2020 (englisches Original 2015), Taschenbuch 12,00 Euro.

Frankopan ist ein britischer Historiker, der sich intensiv auch mit asiatischen Ländern befasst hat. Seine zentrale These ist, dass die wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und politischen Prozesse in Asien, und insbesondere in Zentralasien, die zukünftige globale Entwicklung bestimmen werden. Er wählt den Begriff Seidenstraßen, weil damit (bewusst unscharf!) an die frühere historische Bedeutung Asiens erinnert wird, was weit über das Projekt der Neuen Seidenstraße des chinesischen Staatspräsidenten Xi Jinping hinaus geht. Frankopan stellt mit hoher Kenntnis dar, wie sich Kooperations-Netzwerke zwischen asiatischen Staaten herausbilden, die eine große wirtschaftliche und geopolitische Wucht entfalten werden. Anders als in der verbreiteten einfachen Deutung, dass Europa zwischen den USA und China zerrieben wird, vermittelt er ein viel komplexeres und detaillierteres Bild darüber, welche zukunftsgerichtete Energie von Asien ausgeht. Folgt man ihm, wird wesentlich klarer als bei der einfachen Gegenüberstellung von USA und China, was Europa unternehmen muss, um eine eigenständige, selbstbewusste Rolle zu erlangen.

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Jill Lepore, Diese Wahrheiten – Eine Geschichte der Vereinigten Staaten von Amerika, Beck-Verlag, München 2019 (englisches Original New York 2018), 1120 Seiten (davon reiner Text: 962 Seiten), 39,95 Euro (gebundene Ausgabe)

Die amerikanische Historikern erklärt in nur einem Buch die Geschichte der Vereinigten Staaten mit ihrer Vorgeschichte, beginnend 1492 bei Christoph Kolumbus, und endend im Präsidentschafts-Wahlkampf von 2016. Die zentrale These der Autorin ist, dass die Gründungsväter der Vereinigten Staaten mit ihrer Unabhängigkeits-Erklärung von 1776 gegenüber Großbritannien und der Verfassung von 1787 unter den Zielen Politische Gleichheit, Naturgegebene Rechte und Volkssouveränität ein „Experiment“ starteten, welches bis heute alles andere als abgeschlossen ist. Die wesentlichen „Störelemente“ dabei waren: (1) die anfängliche Sklavenwirtschaft und ihre ethnischen Folgen, die bis heute reichen; (2) die Auseinandersetzung um Geschlechtergleichheit; (3) die ständigen gesellschaftlichen Spaltungen, die in jüngster Zeit ein extremes Niveau erreicht haben und sich äußern in Spannungen zwischen Arm und Reich, zwischen gebildeten und „normalen“ Bürger:innen, zwischen Stadt und Land und zwischen Schwarz und Weiß. Die historischen Auseinandersetzungen drehten sich um: die schwierige Abschaffung der Sklaverei; die Rechte von Schwarzen und anderen Minderheiten; den Kalten Krieg; einen extremen, irrationalen „Anti-Kommunismus“; die „Heiligsprechung“ des Privatbesitzes; radikale Steuersenkungen; eine allgemeine Krankenversicherung; Abtreibung; privaten Waffenbesitz; und die Spaltung in Globalisierungsgewinner und -verlierer.

Lepores übergreifende Kritik an den Rechtskonservativen im Lande ist, dass sie nicht den großen Gehalt des amerikanischen Experimentes um Gleichheit, individuelle Bürgerrechte und Rechtsstaat anerkannten und alle Fortschritte in diesen Feldern unter der Leitlinie des „Originalismus“ ständig zurückdrehten. Originalismus meint dabei eine dogmatische Orientierung am „Original“ der amerikanischen Verfassung, obwohl diese beim Zuschnitt demokratischer Institutionen oder bei Wahlverfahren erhebliche Lücken, Unklarheiten, Widersprüche und Unfertigkeiten hinterließ. Die Linke, bzw. den Linksliberalismus kritisiert die Historikerin dahingehend, dass diese sich seit den 1960er Jahren viel zu wenig um intensive Debatten mit einer breiten Bevölkerung, insbesondere nicht mit den unteren Bevölkerungsschichten bemüht und stattdessen auf Verkündigungen und Identitätspolitik gesetzt hat. Identitätspolitik (präzises Achten auf „korrekte“ Positionen, Eintreten für die speziellen Rechte von Minderheiten) sieht die Autorin nicht negativ; ihre Kritik zielt aber darauf, dass sich die Politik der Linken großenteils darin erschöpft. Die Liberalen hätten, so resümiert sie, den Kompass verloren und nicht versucht, diesen wiederzuerlangen. Auf der anderen Seite hätten die Konservativen die Orientierung an Wahrheiten zerstört.

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Richard David Precht, Künstliche Intelligenz und der Sinn des Lebens, Goldmann-Verlag, 4. Auflage München 2020, 251 Seiten, 20 Euro (gebundene Ausgabe)

PPrecht geht das Thema Künstliche Intelligenz aus philosophischer Sicht an. Seine zentrale Kritik ist, dass „intelligenten“ Maschinen völlig unbegründet und falsch übermenschliche Eigenschaften zugeschrieben werden, wodurch sie bald dem Menschen vollkommen überlegen sein werden. Dabei, so Precht, geht die Sicht dafür verloren, was den Menschen letztendlich ausmacht, was ihn wertvoll macht. Er leitet her, was eine KI-Maschine alles nicht hat: Geist, Bewusstsein, Emotionen/Gefühle, Verstand oder Vernunft, wobei Gefühle der Vernunft vorausgehen. Eine KI-Maschinerie kann weder Sinn, noch Zwecke oder Ziele setzen. Precht macht klar, dass Verstand, Wille, Vernunft und Intelligenz an den menschlichen Leib und an soziale Zusammenhänge gebunden sind, Phänomene, die sich aus extrem langer Evolution herausgebildet haben und niemals zerstört werden dürfen.

In zwei verschiedenen Varianten entwickeln Ideologen und Manager der Künstlichen Intelligenz Visionen, wie der Mensch letztendlich durch intelligente Maschinen überwunden wird. Die erste Gruppe, die Transhumanisten, will die Begrenztheiten des Menschen durch „intelligente“ Technik quasi reparieren, beispielsweise dadurch, dass man die Eigenschaften menschlicher Gehirne in eine vermeintlich dem Menschen weit überlegene Maschinerie integriert. Vertreter der zweiten Gruppe, die Posthumanisten, gehen einen radikalen Schritt weiter. Sie sehen im Homo sapiens im Prinzip nichts Erhaltenswertes mehr. Eine hyperintelligente Maschinenwelt wird in ihrer Sicht den Menschen vollständig überwinden, sich selbst reproduzieren, und, von den engen menschlichen Fesseln befreit, schließlich den gesamten Weltraum erobern. Zwar ist der Mensch ihr Geburtshelfer, aber die Maschinen übernehmen dann in allen Bereichen die Führung und degradieren den Menschen zu ihrem kleinen, zufriedenen Haustier. Bei beiden Gruppen liegt der ähnliche Gedanke zugrunde, dass der defizitäre Mensch durch die unerbittlich voranschreitende „Evolution“ mit der Einführung der maschinellen Superintelligenz seine Schuldigkeit für die Entwicklung getan hat. Die Kombinierung eines mangelhaften Menschen mit einem überbordenden Expansionsdrang sieht Precht in klarer Nachbarschaft zu den Totalitarismen des 20. Jahrhunderts angesiedelt. In Wirklichkeit aber sind Rationalität, Effizienz und Fortschritt nur Mittel, sie werden von den Technik-Visionären in überheblicher und abgehobener Form zu Zwecken umgedeutet. Die eigentlichen menschlichen Werte bzw. Zwecke sind hingegen Menschwürde, Gerechtigkeit und Freiheit.

Für Precht ist statt eines technischen Blickes auf Ethik ein ethischer Blick auf Technik angesagt. Moral und Subjektivität gehören eng zusammen. Moral kann nicht standardisiert und dann in einer Maschine verankert werden, wie es die Silicon Valley-Päpste behaupten. Moralische Entscheidungsfindung erfordert die Autonomie des Individuums. KI ihrerseits kann niemals autonom sein. Und ebenso wenig ist Gerechtigkeit maschinell abbildbar. Menschlicher Sinn ist irrational, nicht logisch und nicht programmierbar. An konkreten Anwendungen von KI macht Precht die aufgezeigten Probleme klar: Autonome Fahrzeuge oder KI-gesteuerte Waffensysteme „entscheiden“ in großer Gefühlskälte über Leben und Tod und rechnen die Lebenswerte verschiedener Individuen gegeneinander auf; dabei wird der Wert der Menschenwürde, verankert beispielsweise in Artikel 1 unseres Grundgesetzes, aufgegeben. Maschinen sollen außerdem die zukünftige Straffälligkeit von ehemaligen Straffälligen prognostizieren oder den Bildungserfolg von Kindern voraussagen, um dann vorzuschlagen, wie mit den Beurteilten umzugehen ist. Dabei kann eine Maschine sich unmöglich in ein Individuum „hineinversetzen“ oder den sozialen Kontext „verstehen“, in dem es sich bewegt. Ebenso sind Recht und Rechtsprechung nicht programmierfähig. Sie erfordern das empathische Nachempfinden von Problemlagen der betreffenden Individuen und moralisches Abwägen – Fähigkeiten, die eine „intelligente“ Maschine nicht haben kann. Der Ideologie der KI-Verherrlicher liegt das Orientierungssystem des Utilitarismus zugrunde: Sie wollen das „Glück“ von möglichst vielen Menschen erreichen, wobei das Glück des Einzelnen dem Glück der Vielen untergeordnet ist. Menschenwürde spielt dabei keinerlei Rolle.

Die angewandte Künstliche Intelligenz erzeugt immensen Druck auf ihre Nutzer:innen, sich ihr immer mehr anzupassen. Die Technik verstärkt diese Anpassung um ein Weiteres. Aus dem Mittel Technik wird nun ein Zweck. Im Frühkapitalismus, so Precht, waren Arbeiter rechtloses Nutzvieh; heute sind die Nutzer des Digitalen Daten-Nutzvieh. Precht sieht das „Betriebssystem“ Kapitalismus mit seiner räuberischen, endlosen Vernutzung endlicher Ressourcen als nicht zukunftsfähig an. So wie früher der Kapitalismus erst sozialer gemacht werden musste, um eine Akzeptanz unter den Menschen zu gewinnen, so muss er heute sozialer und nachhaltiger gemacht werden; sonst kann er nicht weiter bestehen.

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Kunst

Haben Sie schon mal von Mikro-Kunst gehört? Axel Markens aus Moers produziert eine solche: